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Tv Countdown

Verfolgt man die Mediengeschichte, so scheint seit Anbeginn alles daraufhin zu deuten, dass sobald ein Medium eine wahrhaft demokratische emanzipatorische Kommunikation technologisch ermöglicht, dieses Medium alle vorhergehenden vereinnahmen wird.  Das Internet ist gerade dabei dies zu tun, zumal es alle Aspekte - Print, Audio und Audiovideo - abdecken kann.  In dieser Arbeit steht die Ablöse des Fernsehens im Mittelpunkt.  Wobei betont sein soll, dass nicht der explosionsartig wachsende und sich nahezu ohne Zeitverzögerung ausbreitende Audio-Visuelle Content in Frage steht, sondern das Broadcast-Massenmedium Fernsehen, wie wir es kennen.  Das klassische TV-Gerät hat über ein halbes Jahrhundert lang das Leben in Wohnzimmern dominiert.  Das ist vorbei.  In seinen ersten Dekaden hatte das Fernsehen sein Publikum mit der Welt verbunden,- nicht ohne sein Publikum und die Welt, über die es berichtete, auch zu beeinflussen. Manche Realitäten hat das Fernsehen auch (mit-) gestaltet. Tatsächlich ist das 20 Jahrhundert ohne Fernsehen heute nicht vorstellbar.  In jeder Hinsicht: weder seine gesellschaftspolitische, sozialpolitische noch seine geopolitische Entwicklung.  Umso schwieriger ist es, sich die Zukunft ohne Fernsehen vorzustellen.  Aber die Welt ist heute interaktiv und egalitär vernetzt, dank anderer Technologien.  Ihnen gehört unsere Faszination; ihnen schenken wir unsere (kostbare) Zeit. Das lineare Fernsehen hat ausgedient.

Ein Countdown zählt den Start (Take off) ein. In der Raumfahrt: Take off minus t (t = die noch verbleibende Zeit bis zum Start (Take off)).  Beim Film: Filmstart minus t (t = die letzten Sekunden bis zum Filmstart) et al.  Das Sterben, der Tod, des Fernsehens wird kein einzelner Augenblick sein, zumal es hier keineswegs um den Übergang zu digitalem Fernsehen geht.  Dieser Übergang ist in einigen Ländern auch schon teilweise oder ganz vollzogen.  Countdown (Ereignis minus t) bleibt die gewählte Analogie, da es hier um zwei Zustände geht.  Es geht um den Übergang von dem Zustand a (Fernsehen in Einweg Kommunikation) in den Zustand b (Fernsehen im Multimedialen Dialog). Den Übergang von Zustand a (Fernsehen als bislang unbestrittenes Leitmedium des Alltags verliert an Bedeutung und verschrottet sich in seiner Redundanz), in jenen Zustand b (Fernsehen vernetzt sich multimedial, mit non-linearem Angebot, tritt mit seinen Zusehern in Dialog, lässt diese mit user generated Content das Programm mitgestalten, löst sich vom „Fernsehkult“ und gibt seine Archive frei).  Der Zustand b kann durch b1), der ersatzlosen Auflösung der Broadcast-Maschinerie ersetzt werden.  Der Zustand b ist nicht weniger wahrscheinlich als b1.  Wir befinden uns im Zustand a, in dem der Countdown noch läuft. Der Zustand b oder b1, in dem der Countdown abgelaufen ist, steht bevor.  Die noch verbleibende Zeit t ist angezählt, der „Take off“/Start aber unbestimmt. Random. Innerhalb der Zeit t gibt es Ereignisse, die ihrerseits angezählt werden – eigene Countdowns, deren Zeitdauern t(1-?) immer Teilmengen von t sind.  Wir haben es fortwährend mit einer Vielzahl an Countdowns innerhalb des Prozesses zu tun.

Wie das „Fernsehen der Zukunft“ aussehen wird, ist nicht ausverhandelt.  Das Antizipieren der technischen Möglichkeiten und deren Anwendungen, im Zusammenhang mit den neuen Kommunikationsgewohnheiten und Bedürfnissen der künftigen Zuseher, ist für Medienanbieter essentiell.  Wesentlicher als die technologischen Neuerungen wird das Publikum mit seinem neuen Selbstverständnis die Entwicklung dominieren.  Das (vormalige) Publikum versteht sich zunehmend ebenfalls als Content-Provider (Produzer=Produzent und Nutzer).  Es will und wird nicht mehr nur passiv konsumierende “audience” sein.  Und es ist zu hoffen, dass sich „das Publikum“ in den Prozess des digitalen Wandels und dessen Gestaltung aktiv einbringt, denn zu viele gesellschaftspolitische Aspekte, wie Datenschutz oder öffentlich-rechtliches Gemeingut sind betroffen, als dass die Gestaltung dieses Entwicklungsprozesses delegiert werden dürfte.

Diese Arbeit wird im Rahmen des Studiums „Art and Economy“ an der Universität für Angewandte Kunst Wien erstellt.  Ziel ist, die marktökonomischen, die sozialökonomischen und kulturökonomischen Aspekte im politischen Umfeld zu berücksichtigen.  Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass viele der hier angeführten Themenblöcke, die, für sich stehend, einer eigenen Arbeit bedürften, fragmentarisch bearbeitet werden und keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben.  Das Gesamtbild ist hier von Interesse.  Das gebotene Gesamtbild ist ein subjektiv kuratiertes.  Die vorliegende Arbeit ist keine Studie, es ist eine Anhäufung von Prämissen. Die daraus folgenden Argumente sollen die These verteidigen, dass das Sterben des Fernsehens, wie wir es kennen, angezählt ist.

Dieser Prozess ist, wie gesagt, im Gange und zwar mit einer ungeheuren Geschwindigkeit. Demnach kann in dieser Arbeit nur ein Augenblick innerhalb des Prozesses bearbeitet werden. Täglich kommen neue Aspekte und Themen hinzu, täglich strukturieren sich unsere Kommunikationsvorgänge neu.  Täglich agieren Interessensgruppen mit Imperativen, auf die wiederum reagiert wird. Täglich erfindet der Markt Apps, die Kommunikationsgewohnheiten grundlegend verändern.  Bislang konnte das Fernsehen - diese Prozesse weitgehend ignorierend, bzw. nur darüber berichtend - in seinen Strukturen weiterarbeiten und senden.  Das ist nun nicht mehr möglich.  Dieser Countdown ist abgezählt.

TV-Sender werden neue Rollen einnehmen müssen und auch ihr Selbstverständnis wird sich eben diesen Rollen anpassen müssen. Mit beidem haben die oftmals zu großen, hierarchisch strukturierten und tendenziell unflexiblen Sender ihre rechte Mühe. Dabei ist klar: Nur jene Sender, die sich mit hoher Flexibilität in diesem sich ständig erneuernden Umgang mit medialer Kommunikation einbetten können, haben die (ohnehin geringe) Chance mittelfristig noch am Markt mitzuspielen.  Um diesen Themenbereich geht es im Abschnitt A dieser Arbeit.  Das Kapitel „Linear & Non-Linear“ könnte auch „Der Markt“ heißen.  In diesem Kapitel wird der aktuelle Zustand (a), nicht zuletzt auf Basis einer Marktstudie von Booz und Company, aus Sicht der Fernsehindustrie betrachtet.  In einer Zeitspanne bis 2017 werden viele Rundfunkstationen vom Markt verschwunden sein und ein großer Teil des Inhalts nur noch non-linear zur Verfügung stehen.  Thematisiert wird auch das vollgesellschaftliche Problem rund um den ausufernden Datenhandel und die Neuschreibung der Zuseherschaft, die zunehmend aktiv mitgestalten will und wird.  Im Kapitel „broadcast yourself“ wird an Hand von YouTube der bereits lukrative Alternativmarkt zu Fernsehen beschrieben und gleichzeitig thematisiert, dass es dringend Orientierungshilfen bedarf, für die Einordnung und Selektion der ungefilterten und unüberprüften Inhalte, nicht zuletzt auch von politischen, wirtschaftlichen und anderen Interessensgruppierungen, Parteien und Corporations.

Es ist bezeichnend für die Zeit, in der wir leben, dass die öffentliche Diskussion über den stattfindenden Wandel, der nicht nur die Medien selbst, sondern auch unser Sozialleben betrifft und große gesellschaftspolitische Veränderungen mit sich bringt, vornehmlich unter kommerziellen Aspekten geführt wird. Diese Arbeit hat zum Ziel, auch die künstlerisch-visionären und sozialwissenschaftlichen Ansätze in die Diskussion zu werfen.  Die Arbeit hat Anspruch auf wohl recherchierte und reflektierte Aussagen, nicht aber auf Wahrheit, die im Zusammenhang mit der Zukunft nicht beansprucht werden kann.

Im Kapitel „Rezeption ist Produktion“ geht es um den Vorgang des Fernsehens; zunächst beim Individuum und dann im Gesellschaftlichen Kontext.  Es wird argumentiert, dass das Fernsehen zur derzeitigen Entwicklung immens beigetragen hat. Nicht technologisch, aber es hat seine Zuseher im polysemiotischen Prozess trainiert, bis es das Bedürfnis nach eben diesem nicht mehr befriedigen konnte und teilweise auch nicht mehr wollte.  Fernsehen reduziert sich selbst auf Sekundärinhalte.  Bearbeitet werden unter anderem Theorien von John Fiske, der jedoch das Bedürfnis nach aktiver Neuschreibung der Inhalte etwas unterschätzte.

Das Verständnis von „öffentlich-rechtlich“ verändert sich und sollte abgekoppelt von nationalen teilverstaatlichten Broadcast-Unternehmen betrachtet werden.  Es wird der Terminus „Öffentlich-Rechtliches-Prinzip“ (ÖRP) eingeführt und dem, aus der betriebswirtschaftlichen Managementlehre stammenden Begriff, „Public Value“ (öffentlicher Mehrwert) gegenübergestellt.  Das „Öffentlich Rechtliche Prinzip“ (ÖRP) stellt das individuell und gemeinschaftlich existente Bedürfnis nach Kompetenzsteigerung in den Vordergrund.  Vorgeschlagen wird die Infragestellung von Vollzeitprogramm, Spartensendern, und Strukturförderung aus öffentlicher Hand.  Vorgestellt werden die vier  großen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Europas, die unter mehrfachem Druck stehen:  1) dem der EU, die im liberalisierten Markt auf Grund der öffentlichen Sonderfinanzierung der Öffentlich-Rechtlichen deren Aufgabenbereich einschränken will; 2) dem der nationalstaatlichen Regierungen, die im Zuge der Finanzkrise mehr Effizienz bei höherer Konzentration auf den öffentlich-rechtlichen Auftrag  verlangen; 3) dem der Zuseher, die die verpflichtende Gebührenabgabe in Frage stellen oder ein spezifischeres Angebot verlangen.

Im Zusammenhang mit längst überfälligen offenen öffentlichen Archiven wird die Problematik rund um ein völlig veraltetes Urheberrecht angeführt, welches stark mit den aktuellen institutionalisierten und nach Territorialprinzip verfassten Gesellschaften verwoben ist.  Der Soziologe Manfred Faßler spricht vom Ende der Vollgesellschaft und dem Entstehen von Proto- und Parallelgesellschaften auf Basis der Neustrukturierung unserer Kommunikationsgepflogenheiten und der Neuordnung von Wissen.  Die dazu führende Entwicklung wird im Kapitel „Die Ideologie der Netze“ bearbeitet, in dem der Leser mit der Entstehung der Netze und mit der Hacker-Ethik vertraut gemacht wird.

Im Themenblock Live & News wird Fernsehen als berichterstattendes Medium im Kontext der „digitalen Kommunikationsrevolution“ behandelt.  Der öffentliche Kommunikationsraum, in dem traditionell Informationen ausgetauscht oder erworben werden, implodiert in kleine, diversifizierte, „private Kommunikationsgruppen“.  Die politischen Konsequenzen daraus sind weitreichend, und es ist grundlegend zu diskutieren, ob man sich diesem durchaus auch willkommenen Trend einfach euphorisch hingibt oder ob man partiell entgegenwirkt, in dem man wichtige Informationen und Inhalte qualitätsgesichert aus Allgemeinmitteln produziert und ihnen den Weg in die diversifizierten Informationsflüsse ermöglicht.  Die grundlegende These der Arbeit wird mit Beispielen von Medienmanipulation, der Gegenüberstellung von Live und „real-time“, einer kritischen Analyse der systemimmanenten und konsensorientierten „Abwärtsspirale“ in der Berichterstattung und der großen Player im „Global-Info-War“ untermauert.

Im Abschnitt B werden subjektiv gewählte Fragmente aus der Geschichte bemüht. Diese verdeutlichen, dass das Bedürfnis und die Forderung nach den heutigen Kommunikationsstrukturen lange vor der technologischen Ermöglichung eben dieser existiert haben und dass der Erfolg der Netze eben gerade darin begründet ist.  Die Hauptkritikpunkte am Fernsehen waren seit Anbeginn: einseitige Kommunikation, Instrumentalisierung, Massenmanipulation, mangelnde Interaktion und Kommerzialisierung. Intellektuelle und Künstler haben dies besonders in den 1960iger und 1970iger thematisiert und mit dem Medium experimentiert.  Das Mitte der 1960iger Jahre neu aufgekommene Trägermaterial Video, mit dessen inhärenten Eigenschaften der Duplizierbarkeit, Manipulierbarkeit und sofortiger Wiedergabemöglichkeit, löste neuerlich euphorische Hoffnungen auf einen emanzipativen Mediengebrauch aus.  Die ersten öffentlichen Vernetzungen fanden in Happenings statt, zunächst Intermedial und später unter Ausnutzung aller Verbindungsmedien (Fax, Telefon etc.) in Netzskulpturen.  Erst das Internet ermöglicht weitgehend die freie egalitäre und emanzipatorische Kommunikation für die Massen.  Mit ihr sind neue Themenkreise entstanden und mit diesen beschäftigen sich die heutigen Medientheoretiker, die längst in den Netzen angekommen sind.  Es ist wohl bezeichnend, dass sich Wissenschaft und Kunst - seit jeher an der Zukunft und deren Utopien interessiert - schon lange nicht mehr mit Fernsehen beschäftigen. Ich wage auch dieses Faktum als Untermauerung der These heranzuziehen, dass das Fernsehen, wie wir es kennen, für sich allein stehend, in die Bedeutungslosigkeit abwandert und langsam stirbt.  Dem ist noch hinzu zu fügen, dass dies nicht ohne Schadenfreude und begleitenden Applaus seines Publikums passiert.


Booz & Company, Strategieberatungsunternehmen, 3.000 Mitarbeiter/ 60 Büros auf sechs Kontinenten.

Fiske, John (*1939), britischer Medien und Kulturwissenschaftler

Vgl. Schriften von: Moore, Mark Harrison / Gundlach, Hardy / Kelly, Gavin / Mulgan, Geoff / Muers Stephen / Grade, Michael Ian, Kops, Manfred / Weiß, Hans Jürgen et al.

Faßler, Manfred (*1949, Bonn), // „Nach der Gesellschaft“ // Wilhelm Fink Verlag München, 2009 / ISBN 978-3-7705-4875-0

Levy, Stephen, (*1951), Technik Redakteur, Journalist und Autor, Senior Editor b. Nachrichtenmagazin „newsweek“ // „Hackers: Heroes of the Computer Revolution“ Penguin Books, New York 1984, ISBN 0-14-10051-1